Der Sucher
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1
Das Kind liegt still. Eingewickelt in weißes Tuch, in einem Zelt, das vom Himmel fiel. USAID steht auf der Plane. Draußen die Trümmer von Taifun Yolanda. Drinnen: ein Vater im grünen Shirt, der sein Neugeborenes küsst. Das Licht fällt durch die Plane. Ich drücke ab.
Ich hatte Eltern. Ich wurde trotzdem verwaist.
Der Sucher beschlägt.
Im Krieg schlief ich gut. Zu Hause lag ich wach.
Was bleibt, ist der Sucher — das kleine Fenster, durch das ich die Welt sah. Fünfzehn Jahre lang.
Ich fotografierte Geburten in Flüchtlingszelten. Ich fotografierte Kinder, die im Schutt Basketball spielten. Ich fotografierte einen alten Mann, der alles verloren hatte außer einem weißen Plastikstuhl. Ich drückte ab, und der Sucher blieb klar. Immer.
Dann saß Miri am Esstisch. Zwölf Uhr mittags. Die Kinder waren in der Kita. Die Sonne fiel durch das Küchenfenster. Sie sagte: „Maurice, ich weiß nicht mehr, was ich fühle. Ich kann dir nicht sagen, ob das noch Liebe ist."
Staub in der Luft.
Ich sagte: Ich muss mich hinlegen.
Ich legte mich hin und schlief.
Aber als meine Frau sagte, sie wisse nicht mehr, was sie fühle — da zitterten meine Hände. Mein Kiefer verkrampfte sich.
Und ich wusste: Wenn ich sie verliere, packe ich die Sachen und gehe in die Ukraine.
2
Sie war sechzehn.
Er hieß Paolo. Italienischer Gastarbeiter. Blauer Anzug, Hut, Revolver in der Tasche. Er schwängerte sie zweimal. Erst kam ein Sohn. Dann eine Tochter. Meine Mutter.
Ihr Vater prügelte sie. Dann schickte er sie ins Kloster. Sie sollte die Kinder bekommen, wo es keiner sah. Hinter Mauern. Im Schweigen.
Paolo wollte sie heiraten. Aber mein Urgroßvater jagte ihn aus dem Dorf. Paolo verschwand. Sie blieb. Mit zwei Kindern. Mit einer Geschichte, die sie niemandem erzählen konnte.
Also erfand sie eine andere.
Sie sagte: Er hat mich vergewaltigt. Das sagte sie ihr Leben lang. Das nahm sie mit ins Grab. Paolo, der tolle Kerl. Paolo, der Vergewaltiger. Dieselbe Person. Zwei Geschichten.
Ich habe Paolo nie kennengelernt.
Ich war sechzehn, als meine Mutter es mir sagte. Sie kam besoffen in den Keller, wo ich wohnte. Die Kälte der Steinwände im Rücken. Ich saß hinten an meiner Musikanlage. Sie setzte sich auf den Tisch. Mein Opa sei nicht mein Opa. Ich hätte italienische Wurzeln. Ob das für mich in Ordnung sei.
Ich nickte. Sie ging wieder.
Die Musikanlage lief weiter. Irgendein Song.
Meine Mutter war sechzehn, als sie mich bekam. Der Vater war ein Draufgänger-Typ. Er hatte gleichzeitig die Freundin meiner Mutter geschwängert. Ich sollte abgetrieben werden. Aber meine Oma war religiös, und mein Opa übernahm die Verantwortung.
Also wurde ich geboren.
Die Geschichte hatte sich wiederholt. Niemand sprach darüber. Aber die Zahlen lagen da. Sechzehn. Sechzehn.
Ich war siebzehn, als meine Mutter mich rauswarf.
Sechzehn. Sechzehn. Siebzehn.
Das Haus meiner Großmutter stand am Rand von Roxel. Dahinter Pferdekoppeln. Davor eine Straße, auf der niemand fuhr.
Meine Großmutter sammelte Puppen. Tausend Stück. Tausend Puppen standen in ihrem Haus. Auf Regalen. In Vitrinen. Auf dem Boden. Im ehemaligen Esszimmer, wo früher die Familie gegessen hatte, standen fünfhundert allein.
Eine davon war lebensgroß. Eine Schaufensterpuppe im weißen Brautkleid. Hut. Strauß in der Hand. Sie stand zwischen den anderen wie eine Königin zwischen ihren Kindern.
Kein Weihnachten mehr. Die Familie war zerrüttet. Meine Mutter sprach mit niemandem mehr — nicht mit ihrem Bruder, nicht mit ihrem Sohn.
Es roch nach Zigaretten und nach den Stoffen der Puppenkleider. Nach Duftkissen und ein bisschen Parfum. Die Jalousien waren immer unten, weil die Puppen sonst ausbleichen würden. Es war dunkel. Immer dunkel.
In jedem Raum tickten zwei, drei Uhren. Man hörte sie überall. Das Klicken. Das Klicken. Das Klicken.
Sie zeigte sie mir jedes Mal, wenn ich kam. Als wären sie Kinder. Als wären sie lebendig. Früher nahm ich sie in die Hand, schaute sie mir an. Später nervte es mich. Irgendwann stritt ich mit ihr.
In ihren letzten Jahren sprach sie mit sich selbst. Sie murmelte. Manchmal verstand man es. Manchmal nicht. Sie sagte, alle wollten ihr etwas wegnehmen. Alle waren schuld. Sie wiederholte sich. Immer dieselben Sätze.
Ich kam nur noch, wenn ich musste.
Sie wollte aus dem Fenster springen. Sie hat sich mit ihren eigenen Gedanken umgebracht.
Im Haus meiner Großmutter standen tausend Puppen. Keine sprach.
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Er war nicht mein leiblicher Opa. Aber er war da, und er blieb, und er war der Einzige in dieser Familie, der lachte.
Er lachte angenehm laut. Er hatte MS und wusste, dass er sterben würde — und er lachte. Meine Mutter war gesund — und sie verstummte.
Er malte, spielte Klavichord, schrieb Gedichte, las Philosophie. Weiße Haare, Rauschbart. Wenn er lachte, lachte er wie ein Buddha.
Mit vier saß ich neben seiner Staffelei. Er malte, ich malte mit. Manchmal schaute er zu mir rüber und nickte. Er malte wie Hieronymus Bosch — surrealistisch, visionär — Hochhäuser neben gotischen Kirchtürmen, dazwischen Heilpflanzen mit botanischer Präzision.
Er hat mir das ganze Kinderzimmer bemalt. Einen Bären, einen Vogel, ein Auto, den Wald. Die Wände waren zu hundert Prozent bedeckt mit Farbe, auch die Schränke. Jeden Abend lag ich im Bett und starrte an die Wände, bis mir die Augen zufielen.
Er hat mir meinen Namen gegeben.
Als ich geboren wurde, bekam er die Diagnose. Ich kam in eine Welt, die im Zusammenbruch war. Er war schon dabei zu verschwinden. Trotzdem fuhren wir Fahrrad durch die Felder bei Münster. Wenn wir müde waren, setzten wir uns auf eine Bank am Feldrand, und er zündete seine Pfeife an — Rum and Maple, süßlich nach Ahornsirup. Ich saß neben ihm und roch den Rauch. Manchmal philosophierten wir. Manchmal sagten wir nichts. Das war genug.
Er hat mich aus dem Krankenhaus geholt, als ich mir den Finger durchgeschnitten hatte. Er hat mich versorgt, als ich mir den Fuß gebrochen hatte. Er hat vieles übernommen, was meine Mutter nicht konnte.
2019 hatte ich Fragen, die nur er beantworten konnte. Wir trafen uns heimlich in einer Wohnung in Münster, hinter dem Rücken meiner Oma. Ich hatte meine Fragen auf einen Zettel geschrieben. Meine Hände waren feucht, als ich ihn aus der Tasche zog.
Opa, warum bin ich so wie ich bin?
Er sagte: Du hast von Anfang an keine Chance gehabt, eine normale Kindheit zu haben, du bist ins Chaos gestürzt worden.
Ich fragte ihn auch, warum er bei meiner Oma geblieben war, bei dieser Frau, die so anders war als er — er hatte tausend Bücher gelesen, und sie redete zusammenhangslos.
Er sagte: Weil ich wollte, dass du eine richtige Familie hast, weil ich nie eine richtige hatte.
Er schaute weg. Seine Hände lagen still auf dem Tisch, die Finger leicht gekrümmt.
Ich schluckte. Sagte nichts.
Opa, mein Problem ist: Ich versteh mich mit niemandem, ich versteh mich nur mit dir.
Er schaute mich an, weiße Haare, Rauschbart, und das Lachen war nicht mehr da.
Maurice, aber du musst dich doch mit den Leuten verstehen, ich bin doch nicht die Welt.
Ein Pinsel von ihm liegt noch bei mir. Die Borsten sind hart geworden.
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Die Treppe.
Ich horche. Nichts. Summen. Die Waschmaschine. Sonst Stille.
Treppe runter. Stufe für Stufe. Steintreppe. Kalt durch die Socken.
Unten: das Portemonnaie. In ihrer Hüfttasche, am Geländer. Ich greife danach. Reißverschluss. Nehme das Geld.
Rascheln.
Ich drehe mich um.
Sie steht zwei Meter hinter mir. Wäsche in der Hand.
Ihre Augen. Glasig. Weit weg.
Sie blinzelte nicht.
Ich stellte mich neben sie. Weiß nicht warum. Zwei Sekunden.
Dann ging ich nach oben.
Bei Jenny. SMS.
Du sollst ausziehen. Zwei Wochen Zeit.
Fuhr zurück.
Das Bett war weg.
Mein Zimmer. Nur der Schrank noch da. Das Sofa.
Zwei Wochen schlief ich auf dem Sofa. Ich war siebzehn.
Die Lücke im Raum, wo das Bett gestanden hatte.
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Zwei Jahre lagen zwischen dem Rauswurf und der Psychiatrie. Ich weiß nicht mehr, was in diesen Jahren passiert ist. Speed. Drogen. Türen, die ich eintrat. Wutausbrüche, an die ich mich nicht erinnere. Eine Wohnung in Münster, acht Quadratmeter, dunkel, Vorhänge immer zu. Ich lag auf dem Rücken und starrte an die Decke.
Dann die Psychiatrie.
Sie gaben mir Ritalin, und auf einmal wurde die Welt still. Nicht die Welt draußen — die Welt in meinem Kopf. Das Rauschen hörte auf. Ich konnte einen Gedanken zu Ende denken, ohne dass drei andere dazwischenfunkten.
Ein heller Raum. Holzstühle. Tageslicht.
Wir saßen da, zehn oder zwölf Leute, die alle irgendwo hinschauten, nur nicht zueinander. Der Fernseher lief. Nachrichten. Die Türme fielen. Niemand sagte etwas.
Die Welt brach zusammen. Aber das war draußen.
Hier drinnen war Ruhe.
Es war mir alles genommen worden. Ich musste mich um nichts kümmern. Ich bekam mein Essen. Ich musste nicht arbeiten. Ich hatte kein schlechtes Gewissen, nicht zu arbeiten.
Ich saß da, die Hände im Schoß.
Kurz bevor ich in die Psychiatrie kam, hatte mich ein Kollege gefragt, ob ich etwas für ihn zeichnen könne. Ich sagte: Ja, aber dann brauche ich eine Kamera. Er gab mir eine Canon IXUS. Eine der ersten Digitalkameras. Plastikgehäuse, leicht, billig. Sie war warm in meiner Hand.
Nach der Entlassung fuhr ich raus. Das Venner Moor bei Münster. Nebel hing zwischen den Bäumen. Die Füße im nassen Gras. Verdaute Stämme ragten aus dem Wasser, schwarz und krumm, wie Finger, die nach oben griffen. Es roch nach Torf. Modrig. Ein bisschen wie Zigarre.
Ich machte Fotos. Schwarz-weiß.
Wenn du durch den Sucher schaust, hältst du den Atem an. Du bist ganz konzentriert. Wie ein Jäger.
Im selben Jahr kaufte ich mein erstes Survival-Buch. Mein erstes Messer. Ich ging in den Wald bei Münster und baute einen Unterstand. Ich lag darin.
Auf einmal stand ein Reh rechts vor mir.
Ich bewegte mich nicht mehr.
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Mit siebzehn hatte ich mich bei der Bundeswehr beworben.
Unteroffizier. In den Schulbüchern meiner Klassenkameraden stand, was ich werden wollte: Soldat.
Dann kam alles anders. Der Rauswurf. Die Psychiatrie.
Der Einziehungsbescheid kam Jahre später, als ich schon auf der Station war.
Mein Sozialarbeiter schrieb einen Brief. Einen langen Brief. Diagnose. Stationäre Behandlung. Alles drin. Die Bundeswehr musterte mich aus.
Als ich das Wort las, war es wie ein freier Fall.
Auf dem Flur rief eine Frau sechsmal pro Minute Hallo.
Mein Betreuer fragte in die Runde, wer glaubt, wiederzukommen.
Ich sagte: Ich werde nie wiederkommen. Ich war der Einzige.
Die Bundeswehr hatte mich nicht gewollt.
Die Kamera nahm mich an. Sie fragte nur, ob ich hinschauen konnte.
Ich konnte hinschauen.
Durch den Sucher sah die Welt anders aus. Sie hatte einen Rahmen. Ich konnte entscheiden, was drin war und was draußen blieb.
Neun Jahre später saß ich in einem Flugzeug nach Kabul.
Die Canon IXUS war längst ersetzt. Aber der Sucher war derselbe.
3
September 2010. Ich war neunundzwanzig.
Der Flughafen in Kabul war ein Militärstützpunkt. Überall Soldaten. Über uns kreisten die Kampfhubschrauber der Amerikaner. Der Wind kam von den Bergen, kalt und trocken. Ich holte mir einen Kaffee — zehn Würfel Zucker in einem Becher, vielleicht mehr, ich hörte auf zu zählen.
Titus stand neben mir. Titus Dittmann.
Wir flogen weiter nach Herat. Von dort fuhren wir mit dem Auto durch eine Landschaft, die aussah wie der Mond — braun, staubig, leer. Links und rechts ragten die Berge auf. Der Staub war nicht grau wie in Deutschland, sondern orange-braun, und er legte sich auf alles, auf die Windschutzscheibe, auf meine Zunge, mineralisch und trocken. Hinter jeder Kurve hätte eine Talibansperre auftauchen können. Mein Übersetzer Zobair sagte: Hier werden Leute hingerichtet, am Stadteingang. Wir fuhren weiter. Wir hörten kein Radio, weil wir jedes Geräusch hören mussten.
Die Kinder sahen das Auto von weitem. Sie liefen hinter uns her, den ganzen Weg bis zum Skatepark. Lehmhäuser und Staub und Esel, und auf einmal stand da dieser Skatepark, mitten in der Wüste. Die Kinder trugen Sandalen statt Sneaker. Sie waren völlig wild.
Marc, mein Vorgänger, hatte aufgegeben. Die Kinder hatten ihm die Eier lang gezogen, so hat Titus es mir erzählt. Deshalb war ich hier.
Ich schnappte mir den Größten, einen Jugendlichen, der mich testete. Meine Hand um seinen Kragen, der Griff fest. Ich drückte ihn zu Boden.
Die anderen schauten zu. Dann war Ruhe.
Hau den stärksten Hund um, und die anderen kuschen. Ich kannte das aus Münster, aus der Schule, von der Straße. Hier funktionierte es genauso.
Wir nannten uns Die dreckigen Hunde — der erste Skateboard-Club Afghanistans. Titus und ich ließen uns die Bärte wachsen, ließen uns traditionelle afghanische Kleidung maßschneidern. Jeden Tag fuhren wir raus zum Skatepark, eine Stunde durch die Mondlandschaft. Ich brachte den Kindern bei, wie man auf einem Brett steht. Sie brachten mir bei, wie man in einem Land lebt, in dem jeder Tag der letzte sein kann.
Ich hatte meine Kamera dabei. Immer.
Wenn ich durch den Sucher schaute, wurde die Welt leise. Die Kinder, der Staub, die Hitze, die Gefahr — alles dämpfte sich. Ich bekam einen Tunnelblick, und mein Puls ging schneller.
Keiner wusste, dass ich Fotograf war. Ich war als Skatelehrer gekommen. Aber Titus sah die Bilder, und Rupert Neudeck sah sie, und sie sagten: Wow, der macht ja richtig gute Fotos.
Drei Wochen war ich mit Titus dort. Dann flog er zurück.
Dann war ich allein.
Zweieinhalb Monate. Nur ich und Zobair. Komplett ohne Anbindung.
Bevor ich geflogen war, hatte ich einen Gedanken gehabt, und ich hatte ihn niemandem gesagt: Wenn ich nicht zurückkomme, dann ist das egal. Passt schon.
Die Sonne ging unter hinter den Hügeln von Karukh. Der Wind trug den Staub über den Skatepark. Die Kinder gingen nach Hause. Ich stand da mit meiner Kamera in der Hand.
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Der erste Tag allein.
Wir hatten Titus zum Flughafen gebracht. Wir hatten Rupert Neudeck zum Flughafen gebracht. Dann fuhren Zobair und ich zurück nach Herat.
Restaurant. Mittagessen. Das Essen kam.
Dann die Schüsse.
Nicht weit. Vielleicht zwei Straßen. Zobair legte die Gabel hin. Ich legte die Gabel hin. Wir zahlten nicht. Wir gingen zum Auto.
Zobair fuhr. Ich saß daneben. Er sagte nichts. Ich sagte nichts.
Am letzten Kreisverkehr vor dem Hotel sahen wir sie. Eine Menschenmenge. Hundert, vielleicht mehr. Sie standen auf der Straße, und sie schrien, und dann schossen sie in die Luft.
Zobair bremste.
Ich sah die Gewehre. Ich sah die Fäuste. Ich sah die Gesichter.
Die Menge bewegte sich. Sie bewegte sich in unsere Richtung.
Zobair legte den Rückwärtsgang ein.
Er fuhr rückwärts. Die ganze Straße rückwärts. Vollgas. Der Motor heulte. Ich hielt mich am Griff über der Tür fest, und ich schaute nach hinten, und ich schaute nach vorne, und die Menge kam näher, und Zobair fuhr schneller, und die Straße war lang, und ich dachte nichts, ich dachte gar nichts, ich schaute nur.
Dann eine Abzweigung. Zobair riss das Steuer herum. Wir bogen ab. Noch eine Straße. Noch eine. Dann hielt er.
Ein Tor. Ein Innenhof. Ein Freund von Zobair.
Das Tor ging auf. Wir fuhren rein. Das Tor ging zu.
Ich stieg aus. Meine Beine trugen mich. Ich ging drei Schritte. Dann setzte ich mich hin. Dann legte ich mich hin. Auf den Boden. Auf den Staub. Flach.
Der Innenhof war klein. Vielleicht fünf Meter im Quadrat. Lehmwände. Ein Baum. Stille.
Draußen die Straße.
Ich lag auf dem Boden, und ich schaute zum Tor, und unter dem Tor war ein Schlitz, vielleicht zehn Zentimeter hoch, und durch diesen Schlitz sah ich die Straße.
Dann kamen die Füße.
Sandalen. Turnschuhe. Nackte Füße. Staub.
Sie gingen vorbei. Langsam. Sie suchten.
Ich hielt den Atem an.
Die Füße blieben stehen. Direkt vor dem Tor. Ich sah den Staub auf den Zehen. Ich sah die Riemen der Sandalen. Ich sah den Saum einer Hose.
Ich atmete nicht.
Die Füße bewegten sich. Sie gingen weiter. Andere Füße kamen. Gingen vorbei. Kamen wieder.
Ich weiß nicht, wie lange ich da lag. Eine Stunde. Vielleicht zwei.
Dann wurde es still.
Zobair kam. Er sagte etwas. Ich stand auf. Meine Knie waren steif. Ich klopfte den Staub von meiner Hose.
Wir blieben zwei Tage in diesem Innenhof. Zwei Tage hinter diesem Tor.
Der Innenhof war klein. Die Wände waren hoch. Der Himmel war ein Quadrat.
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Ein paar Tage später waren wir in einem Dorf, eine Stunde von Herat entfernt. Der Dorfälteste hatte uns eingeladen, die Schule zu besichtigen.
Der Mann war alt, sein Bart weiß. Er führte uns durch die Räume, zeigte uns die Kinder an den Holztischen, sprach über seine Pläne für das Dorf. Zobair übersetzte. Draußen war die Sonne. Alles war ruhig.
Dann hörten wir die Schüsse.
Sie kamen von der anderen Seite des Tals. Weit genug weg. Der Dorfälteste hörte auf zu sprechen. Dann sprach er weiter. Wir beendeten die Besichtigung, tranken noch Tee, dann sagten wir, wir müssen zurück.
Aber die Straße, auf der wir gekommen waren, führte in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren. Es war die einzige Straße. Der Dorfälteste sagte, wir sollten bleiben.
Also blieben wir.
Er gab uns einen Raum. Wir legten uns auf den Boden. Die Nacht war kalt. Ich schlief.
Am nächsten Morgen saßen wir beim Frühstück, und der Dorfälteste erzählte, was in der Nacht passiert war. Zobair übersetzte. Der Tee in meiner Hand wurde kalt.
Die Taliban hatten das Nachbardorf überfallen.
Sie hatten sich vertan.
Sie hatten uns gesucht.
Ich stellte den Tee ab. Ich sagte nichts. Zobair sagte nichts. Der Dorfälteste sprach weiter, über die Ernte, und ich saß da und schaute auf meine Hände.
Ich stand auf und bedankte mich. Der Dorfälteste gab mir einen Teppich. Er sagte etwas, das ich nicht verstand. Ich nahm den Teppich. Wir fuhren zurück nach Herat.
Im Hotel blieb ich eineinhalb Wochen.
Eineinhalb Wochen, in denen ich bei jedem Klopfen an der Tür zusammenzuckte, bei jedem Geräusch auf dem Flur wach wurde. Die Paranoia kam. Sie blieb.
Aber ich blieb auch.
Ich blieb in Afghanistan. Ich fuhr wieder raus zum Skatepark. Ich brachte den Kindern bei, wie man auf einem Brett steht. Ich fotografierte.
Im Krieg schlief ich gut.
Den Teppich habe ich heute noch. Er liegt in meinem Arbeitszimmer in Eberswalde. Manchmal, wenn ich darüber gehe, streiche ich mit dem Fuß über die Wolle und spüre die Knoten, die jemand geknüpft hat, der nicht wusste, dass es ein Abschiedsgeschenk hätte sein können.
_____________
Abends saß ich in der Kantine des Hotels. Ich aß allein, schaute zum Fenster. Draußen wurde es dunkel über Herat.
Dann hörte ich die Motoren.
Die Jeeps hielten vor dem Hotel. Die Türen gingen auf. Die Männer stiegen aus.
Amerikaner. Black Water, vielleicht, oder Green Berets — ich konnte es nicht unterscheiden. Aber ich sah die Waffen, die Westen, wie sie sich bewegten. Ich legte meine Gabel hin und schaute.
Sie trugen ihre Ausrüstung, als wäre sie ein Teil von ihnen. Sie sprachen miteinander, lachten. Einer klopfte dem anderen auf die Schulter. Dann gingen sie in die Kantine, setzten sich an den Tisch neben mir. Ich hörte ihre Stimmen, verstand nicht viel, aber ich verstand den Ton.
Ich saß ganz still. Bewegte mich kaum. Vor mir stand mein Curry mit Hähnchen und Reis. Der Dampf stieg auf. Es roch nach Gewürzen und nach dem Dieselgenerator, der irgendwo hinter dem Hotel lief. Ich aß weiter, so unauffällig wie möglich, damit ich beobachten konnte.
Ich sah ihre Hände — die Hände von Männern, die wussten, was sie taten. Ich sah ihre Schultern, breit und gerade. Ich sah ihre Augen, die den Raum scannten, auch wenn sie entspannt wirkten.
Boah, wär ich gerne einer von denen.
Das war einfach da. Wie Hunger. Wie Durst.
Sie aßen schnell, redeten laut, standen auf, gingen wieder raus. Ich hörte die Jeeps starten, hörte sie wegfahren. Ich saß da mit meinem kalten Essen und meiner Kamera auf dem Stuhl neben mir.
Am nächsten Abend saß ich wieder in der Kantine. Und am übernächsten. Ich wartete auf die Motoren. Ich wartete auf die Jeeps. Ich schaute zu, wie sie ausstiegen, wie sie reinkamen, wie sie wieder gingen.
Ich schaute nur.
Abends lag ich in meinem Zimmer und starrte an die Decke. Draußen die Stille der afghanischen Nacht.
Ein Jeep startete. Die Scheinwerfer streiften über die Wand meines Zimmers und verschwanden.
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Dreieinhalb Monate.
Ich war als Nobody nach Afghanistan gegangen. Ich kam zurück als jemand, den man kannte. Titus kannte mich. Rupert Neudeck kannte mich. Die Kinder im Skatepark kannten mich. Die dreckigen Hunde.
Acht Stunden.
Jede Nacht. Acht Stunden. Kein Traum. Keine Albträume.
Im Krieg schlief ich gut.
In Münster hatte ich wach gelegen. In Berlin würde ich wach liegen. Aber hier, in diesem Hotel in Herat, in diesem Land, in dem hinter jeder Kurve eine Talibansperre hätte auftauchen können — hier legte ich mich auf die Seite, eine Hand unterm Kopfkissen. Die schweren Decken lagen auf mir, bestickte Decken, schwer wie Teppiche. Die Nächte waren kalt. Die Stille der afghanischen Nacht legte sich über mich. Ich schloss die Augen.
Ich schlief einfach.
Ende Dezember 2010 flog ich zurück nach Deutschland.
Der Flughafen in Kabul. Die Soldaten. Die Hubschrauber. Der Staub auf meiner Zunge, mineralisch und trocken, ein letztes Mal. Dann das Flugzeug, der Geruch von Kerosin und kaltem Kaffee. Ich saß am Fenster und schaute runter.
Unter mir die Berge, das endlose Gestein, die Mondlandschaft, die keine Mondlandschaft war, sondern ein Land, in dem Menschen lebten und starben und Kinder auf Skateboards fuhren.
Ich dachte: Ich komme wieder.
Die Stewardess brachte Kaffee. Ich trank ihn schwarz. Ohne Zucker. Nicht zehn Würfel. Nicht süß wie in Herat. Bitter. Deutsch.
Unter mir verschwanden die Berge in den Wolken.
4
Der Tag, an dem Fjäll kam, begann auf einem Friedhof.
Es war der einzige Ort in Berlin, wo wir schnell Natur fanden — Bäume, Stille, Gras unter den Füßen. Miri war hochschwanger. Wir gingen zwischen den Gräbern, vorbei an Efeu und verwelkten Blumen, und ich dachte an den Job am nächsten Tag. Eine freie Reportage über Kendo, meinen Sport. Ich musste noch ein Objektiv ausleihen.
Also fuhr ich hin. Miri blieb zu Hause.
Ich stand in der Wohnung meines Kollegen, das Objektiv in der Hand, als mein Handy klingelte. Miri. „Das Kind kommt."
Ich legte das Objektiv auf den Tisch. Ich nahm meine Schlüssel. Ich fuhr zurück.
Er kam nachts, in der Badewanne. Ich hatte den Stein daneben gelegt — den Stein vom Fjäll, den ich Monate vorher aufgehoben hatte, als ich mit einer Reisegruppe dort oben war. Ich war pinkeln gegangen, am Rand des Abstiegs, und da lag dieser Stein, mit Flechten bewachsen, und ich nahm ihn auf und schaute ihn in der Sonne an, und auf einmal war es da, wie ein Blitz: Fjäll. Der Name. Miri hatte die ganze Schwangerschaft über Namen vorgeschlagen, und ich hatte immer gesagt: Der Name kommt zu uns. Wir können ihn nicht aussuchen.
Und jetzt war er da, neben dem Stein, der mir seinen Namen gegeben hatte.
Ich machte Audio-Aufnahmen von der Geburt. Die richtige Distanz.
Am nächsten Morgen hatte ich den Job. Die Kendo-Reportage.
Miris Schwester kam, um auf sie und das Kind aufzupassen. Ich zog meine Jacke an, schob die Schultern in die Ärmel, nahm die Kameratasche mit dem geliehenen Objektiv. Ich ging zur Tür.
Miri lag im Bett. Das Kind an ihrer Brust. Es war keine vierundzwanzig Stunden alt.
Sie sah mich an.
Ich spürte ihren Blick wie einen Druck zwischen den Schulterblättern. Meine Hand lag auf der Klinke. Ich drehte mich nicht um.
Ich weiß nur, dass ich nicht hingeschaut habe. Nicht richtig.
Ich drückte die Klinke herunter. Ich ging durch die Tür und zog sie hinter mir zu.
Die Tür klickte. Leise. Endgültig.
_____________
Münster, Oktober 2012. WG-Party bei Katja.
Achtzehn, neunzehn Leute in der Küche. Musik aus den Boxen, Stimmen, Lachen. Ich stand am Stammtisch und kannte niemanden außer dem Kollegen, der mich mitgebracht hatte. Dann kam sie aus dem Bad. Ihr Haar war noch feucht. Ich roch ihr Shampoo. Sie war schlank, der flachste Bauch, den ich je gesehen hatte. Sie ging zum Kühlschrank, drehte sich um und fragte:
Willst du ein Bier?
Ich dachte: Die ist richtig vernünftig. Sie geht zum Kühlschrank und bringt mir Bier mit.
Dreizehn Jahre später, in der Küche unseres Hauses in Eberswalde, hat Miri mir etwas gesagt, das ich nicht vergessen werde.
Die Spülmaschine lief. Draußen die Vögel. Sie stand am Fenster, und draußen wurde es dunkel, und ich saß am Tisch. Sie schaute mich an. Ich sah die Tränen in ihren Augen. Dann schaute sie weg.
Du warst weich, hat sie gesagt. Als ich dich kennengelernt habe. Du hattest einen weichen Kern.
Ich sagte nichts. Schluckte.
Und in den dreizehn Jahren hat sich das immer weiter verhärtet.
Ich weiß nicht, was sie in diesen Jahren gesehen hat. Ich war zu beschäftigt damit, nicht hinzuschauen. Miri hat das gesehen. Ich nicht.
Sie hat 99,9 Prozent der Dinge gemacht, die man fürs Kind tun soll. Während sie im Garten mit den Kindern gespielt haben, hab ich im Keller gehockt und abgearbeitet. Während sie die Nächte durchwachte, war ich irgendwo anders. Während sie da war, war ich weg.
Auch wenn ich da war, war ich abwesend.
Das ist der Satz, den ich ihr nicht widersprechen konnte. Ich saß am Tisch, aß mit, sagte Gute Nacht. Aber ich war nicht da. Mein Körper war ein Platzhalter für einen Mann, der längst weitergezogen war.
Miri hat das dreizehn Jahre lang beobachtet.
Ich habe nie gefragt.
Das ist doch nicht das Leben, hat sie gesagt.
Sie stand am Fenster. Ihr Kinn zitterte. Draußen die Vögel, die sie jeden Tag füttert.
Ich saß am Tisch. Meine Hände lagen auf der Platte. In meiner Mitte dieses flaue Gefühl, am Solarplexus, als wenn man im freien Fall ist.
Sie hatte recht.
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Tegel. Ich lande.
Durchsagen. Kofferräder auf Fliesen.
Miri steht da. Fjäll neben ihr. Er ist vielleicht zwei. Vielleicht drei.
Ich gehe auf sie zu. Koffer in der einen Hand. Kameratasche in der anderen.
Fjäll schaut mich an.
Kein Lächeln. Kein Rennen. Kein Papa.
Er dreht sich zu Miri. Er greift nach ihrer Hand.
Er hat mich nicht erkannt.
Sechzehn. Sechzehn. Siebzehn.
Die Ankunftshalle war laut.
Zuhause.
Fjäll sitzt auf dem Boden. Duplo-Steine vor ihm. Er baut.
Ich komme rein.
Er schaut kurz hoch. Dann baut er weiter.
Mama, ruft er.
Nicht Papa. Nie Papa.
Ich stehe in der Tür. Hitze steigt hoch. Meine Kiefermuskeln spannen sich.
Muttersöhnchen, sage ich.
Sein Gesicht.
Fünf Jahre.
Erstes Wort. Erste Schritte. Erste Zähne. Erster Kindergartentag.
Fjäll sitzt auf dem Boden. Duplo-Steine. Er baut.
Ich stehe in der Tür.
Mama.
Mama.
Mama.
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Nachts höre ich es noch.
Drei Uhr morgens.
Miri schläft neben mir. Ich höre ihren Atem, gleichmäßig, ruhig. Ich liege auf dem Rücken und starre an die Decke.
Berlin-Nacht.
Kein Hubschrauber. Keine Schüsse. Keine Gefahr.
Die U-Bahn in der Ferne, irgendwo Richtung Hallesches Tor. Das Summen des Kühlschranks aus der Küche. Die Heizung knackt. Miris Atem. Mein eigener Puls im Ohr.
Die Decke ist weiß, Raufaser, und in der Mitte hängt die billige IKEA-Lampe, die ich jetzt schon tausendmal angestarrt habe. Sie war schon da, als ich mich um elf hingelegt habe, und sie wird noch da sein, wenn um sechs der Wecker klingelt, und ich werde noch wach sein.
Meine Schultern sind hochgezogen. Auch jetzt. Auch hier. Ich bin ununterbrochen auf Spannung, auch wenn es nichts gibt, worauf ich reagieren müsste.
Ich drehe mich auf die Seite. Meine Hände liegen flach auf der Matratze, als müsste ich mich abstützen. Ich drehe mich zurück. Meine Augen sind offen.
Im Krieg schlief ich gut. Zu Hause lag ich wach.
Um halb vier greife ich zum Handy. Das blaue Licht blendet. Ich scrolle durch nichts. Nachrichten, die ich nicht lese. Bilder, die ich nicht sehe. Nach einer Weile lege ich es zurück. Miri hat sich nicht bewegt.
Die Kamera liegt im Rucksack. Der Rucksack steht im Arbeitszimmer, immer gepackt, immer bereit. Aber nachts gibt es keinen Sucher, hinter dem ich verschwinden kann.
Miri dreht sich im Schlaf. Ihr Arm streift meinen. Sie murmelt etwas, das ich nicht verstehe.
Ich sage nichts.
Ich liege da.
5
Leyte, Februar 2014.
Wochen nach dem Taifun. Ich ging durch das, was einmal ein Dorf gewesen war. Die Sonne stand hoch und hart, kein Schatten, keine Bäume mehr. Der Wind hatte sie weggerissen, dreihundertzwanzig Stundenkilometer. Grau und Braun und Rost und Weiß. Das Weiß waren die Kreuze auf dem Massengrab. Das Grau die Zelte. Das Braun der Schlamm. Der Rost das Wellblech, überall, verbogen, zerrissen.
Zehn Prozent hatten überlebt.
Die Leute bauten wieder. Kinder spielten. Irgendwo lachte jemand.
Ich war erschöpft. Ich lehnte mich an die Ecke eines zerstörten Häuschens, das Dach war weg. Die Hitze lag auf meinen Schultern wie eine Hand, die drückt. Ich setzte mich auf den Boden, Rücken an der Mauer, die keine Mauer mehr war.
Mir gegenüber, vielleicht fünf Meter entfernt, saß ein älterer Mann auf einem weißen Plastikstuhl.
Ein Monobloc, so einer, wie man ihn überall auf der Welt kaufen kann. Drei Dollar fünfzig. Der Mann saß darauf, nur in Badehose. Um ihn herum spielten Kinder, fünf, seine Enkel, sie rannten und lachten und schrien. Der alte Mann saß da und schaute ihnen zu.
Die Hälfte seiner Familie war tot.
Ich nahm die Kamera vom Hals. Legte sie neben mich auf den Schutt. Und schaute.
Ich schaute sein Gesicht an. Er lächelte.
Ich dachte an meine Oma. Sie lebte in Deutschland, in einem Haus mit Heizung und fließendem Wasser und einem Dach, das nicht wegfliegen würde. Sie hatte alles. Und sie war so traurig, dass sie sich manchmal aus dem Fenster stürzen wollte.
Dieser Mann hier hatte nichts mehr.
Nur diesen Stuhl. Nur diese Kinder.
Der alte Mann schaute zu mir herüber. Unsere Blicke trafen sich. Er sah mich an, ich sah ihn an. Dann lächelte er, und ich lächelte zurück.
Ich lachte.
Ich saß auf dem Boden eines zerstörten Hauses, und gegenüber saß ein Mann, der die Hälfte seiner Familie verloren hatte, und wir lachten zusammen.
Dann griff ich zur Kamera. Hob sie auf. Der alte Mann nickte. Ich drückte ab.
Ich stand auf, klopfte mir den Staub von der Hose, nickte ihm zu. Er nickte zurück.
Die Sonne stand hoch. Kein Schatten. Nur dieser weiße Plastikstuhl.
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Das Zelt stand mitten im Nichts.
Grau die Plane. Weiß die Buchstaben: UNHCR. Drumherum Schlamm und Wellblech und das, was von einem Dorf übrig war. Ich kam am späten Nachmittag an. Sie standen vor dem Zelt und schauten mich an.
Der Vater. Die Mutter. Drei Kinder. Ein Hund.
Der Hund sah aus wie Scheiße.
Das ist kein Urteil. Das ist eine Beschreibung. Räude. Fell in Fetzen. Wunden, die nicht heilten. Alle Hunde hier sahen so aus — Zombie-Hunde, die durch die Trümmer streunten. Nur dieser hier hatte einen Namen.
Bantay.
Der Vater zeigte auf das Zelt. Er sagte etwas auf Tagalog, das ich nicht verstand, aber ich verstand die Geste. Also ging ich rein. Und ich blieb.
Drei Tage.
Drinnen: Matten auf dem Boden. Ein Kocher. Plastikschüsseln. Ein Neugeborenes in den Armen der Mutter — geboren nach der Zerstörung, in diese Zerstörung hinein.
Am ersten Abend erzählten sie mir die Geschichte.
Als der Taifun kam, rannte Bantay raus. Einfach so. Rannte zur Tür und bellte und kratzte und machte Terror, bis sie aufmachten. Die Kinder weinten. Die Mutter schrie. Aber Bantay hörte nicht auf. Also machten sie die Tür auf, und Bantay rannte raus, und sie rannten hinterher, alle fünf, raus in den Sturm, und hinter ihnen stürzte das Haus ein.
Alle anderen in der Straße starben.
Der Vater hörte auf zu sprechen. Er schaute Bantay an. Bantay lag auf dem Boden, die Schnauze auf den Pfoten, die Augen halb geschlossen. Das hässlichste Tier, das ich je gesehen hatte.
Es hatte ihnen das Leben gerettet.
Am zweiten Tag aß ich mit ihnen. Reis und Sardinen aus einer Plastikschüssel — die Chinesen hatten das abgeworfen, jeden Tag dasselbe. Nach drei Monaten davon konnte ich keine Sardinen mehr essen. Bis heute nicht.
Die Kinder saßen um mich herum. Der älteste Junge schaute mich an mit Augen, die zu alt waren für sein Gesicht.
Ich hob die Kamera. Fragte. Sie nickten.
Aber der Sucher beschlug.
Ich setzte ab.
In der Nacht schlief ich wie ein Baby. Das Zelt, die Familie um mich herum — ich war fix und fertig von der Arbeit, und ich schlief so gut wie seit Monaten nicht.
Am dritten Morgen wachte ich auf, und Bantay lag neben mir. Sein Fell an meinem Arm. Sein Atem an meinem Hals. Die Kinder schliefen noch, zusammengerollt auf den Matten. Die Mutter hielt das Neugeborene. Der Vater lag auf dem Rücken und schnarchte leise. Ich lag da und hörte das Atmen dieser Familie, die mich aufgenommen hatte, obwohl sie nichts hatten.
Obwohl sein Fell so zerzaust war, streichelte ich ihn.
Am Nachmittag packte ich meine Sachen. Der Vater stand vor dem Zelt und nickte. Die Mutter hielt das Neugeborene. Die Kinder winkten. Bantay lag im Schatten und schaute mich an mit seinen Augen, und ich schaute zurück, und dann ging ich.
Die Straße war gesäumt von umgeknickten Bäumen, alle in dieselbe Richtung gedrückt wie Streichhölzer. Ich ging zwischen ihnen hindurch.
Ich weinte.
Hinter mir wurde das graue Zelt kleiner. Bantay lag im Eingang und sah mir nach.
Die Straße war gesäumt von umgeknickten Bäumen.
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Dhapa. Kolkata. Februar 2015.
Die Müllhalde.
Ich ging darauf zu. Mit einem Begleiter. Ich wusste nicht, was mich erwartete.
Der Gestank kam zuerst. Brennendes Plastik. Chlor. Verwesung. Ich zog den Mundschutz hoch. Es half nicht.
Weißer Rauch. Überall weißer Rauch.
Die Oberfläche brannte. Sechzig Grad. Siebzig. Der Müll unter meinen Füßen war heiß. Plastikstücke klebten an meinen Sohlen. Wildschweine wühlten im Abfall. Krähen kreisten über den Müllbergen. In der Ferne schob ein Bulldozer neuen Dreck auf den Haufen.
Tote Hunde lagen am Rand der Straße. Aufgebläht. Fliegen.
Ein Volk lebt hier. Eine Kaste. Die unterste. Sie werden hier geboren. Sie sterben hier. Sie sammeln Kupfer aus dem Müll. Mit bloßen Händen.
Ich sah die Kinder.
Sie waren alle infiziert. Warzen an den Händen. Hautausschlag an den Armen. Offene Wunden, die nicht heilten. Sie sortierten Plastiktüten. Rot. Blau. Gelb. Ihre Füße bedeckt mit Plastikstücken. Sobald ihre Körper groß genug sind, arbeiten sie.
Ich hob die Kamera. Und dann —
Ein weißes Kleid.
Ein Mädchen. Vielleicht zehn. Vielleicht zwölf. Sie stand mit dem Rücken zu mir. Weißes Kleid auf der brennenden Müllhalde. Der Kontrast war so brutal, dass ich den Atem anhielt.
Meine Tochter ist heute ungefähr so alt wie sie.
Ich dachte: Wenn sie sich jetzt umdreht und auch noch hübsch ist, dann geht das auf keine Kuhhaut, dieses Bild.
Sie drehte sich um.
Sie war hübsch.
Ich drückte ab.
Dann rannte sie weg. Einfach so. Das weiße Kleid verschwand zwischen den Müllbergen.
Ich wusste, dass ich etwas genommen hatte. Etwas, das mir nicht gehörte.
Die Arbeiter sahen es auch.
Eine ältere Frau kam zuerst. Sie schrie. Wütend. Sie stachelte die anderen an. Dann kamen sie. Drei. Vier. Fünf. Stahlsticks mit Haken in den Händen.
Sie wollten mich erschlagen.
Mein Begleiter stellte sich dazwischen. Er redete. Schnell. Laut. Seine Hände in der Luft. Die Arbeiter blieben stehen. Die Stahlsticks glänzten im weißen Rauch.
Ich stand da. Kamera in der Hand. Mundschutz vor dem Gesicht. Der Schweiß lief mir den Rücken hinunter. Und etwas anderes. Dieses Gefühl, wenn alles nach unten rutscht. In die Blase. Ich musste aufpassen, dass ich mich nicht einpisste.
Mein Begleiter zog mich am Arm. Rückwärts. Schritt für Schritt. Die Arbeiter folgten nicht. Die alte Frau spuckte auf den Boden.
Er hat's noch knapp hinbekommen, dass sie mich da nicht töten.
Wir gingen. Ich drehte mich nicht um. Ich hörte nur den Müll unter meinen Füßen. Das Knistern des brennenden Plastiks. Das Kreischen der Krähen.
Die Hitze auf meinem Rücken.
Am Rand der Müllhalde blieb ich stehen. Ich schaute zurück. Der weiße Rauch hatte alles verschluckt. Die Arbeiter. Die Kinder. Die Krähen.
Nur ein weißer Fleck war noch zu sehen. Irgendwo zwischen den Müllbergen.
Dann verschwand auch er.
Das Bild würde später den NGO PR-Award gewinnen.
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Tegel. März 2015.
Landung.
Miri am Gate. Koffer. Kameratasche. Ich hatte sie nicht ausgepackt. Seit zwei Monaten nicht.
Das Auto. Beifahrersitz.
Berlin zog vorbei. Häuser. Straßen. Ampeln. Bäume. Menschen.
Ich schaute raus. Miri fuhr. Sie sagte etwas. Ich hörte es nicht.
Kreuzberg.
Carl-Herz-Ufer. Hundert Meter vor der Wohnung. Miri parkte. Wir stiegen aus. Sie nahm meinen Koffer. Ich nahm die Kameratasche.
Die Straße.
Cafés links. Kanal rechts. Gänse auf dem Wasser. Schwäne. Menschen auf Bänken. Laptops. Kaffeetassen. Stimmen. Lachen. Fahrradklingeln.
Miri ging vor mir. Zehn Meter. Zwanzig. Sie drehte sich um.
Ich stand da.
Die Straße war leer.
Cafés. Leer. Bänke. Leer. Kanal. Leer. Menschen überall. Ich sah sie nicht.
Miri kam zurück.
Was ist los?
Ich schaute sie an. Ich schaute die Straße an. Ich schaute zurück.
Ist das hier so leer? Sind ja gar keine Leute.
Miri schaute mich an. Sie schaute die Straße an. Die Cafés. Die Bänke. Die Menschen mit ihren Laptops und Kaffeetassen.
Doch, sagte sie. Da sind total viele Leute.
Ich schaute.
Nichts.
Mein Körper stand auf der Straße.
Schultern oben.
Kiefer.
Atem.
Die Gänse auf dem Kanal. Ich zählte sie.
Vier.
Fünf.
Sechs.
Miri stand vor mir. Sie sagte nichts mehr. Sie schaute mich an. Dann nahm sie meine Hand.
Ich ließ es zu.
Wir gingen. Hundert Meter. Die Wohnung. Die Tür.
Hinter uns die Straße. Die Cafés. Die Gänse. Die Menschen.
Ich drehte mich nicht um.
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Berlin. März 2015.
Baumarkt. Halle. Kunstlicht.
Ich stand hinter der Kamera und schaute durch den Sucher auf ein Pärchen, das für einen Saatgut-Hersteller lächelte. Sie lachten. Sie taten so, als wäre das Leben schön.
Eine Woche vorher hatte ich auf einer brennenden Müllhalde gestanden.
Verfickte Scheiße.
Die Visagistin puderte das Model nach. Der Art Director rief: "Mehr Freude!" Das Pärchen lachte lauter. Sie hielten eine Gießkanne. Sie pflanzten Kräuter ein. Sie pusteten eine Pusteblume an.
Mir wurde heiß.
Das fing in der Brust an. Eine Welle, die nach oben stieg. In den Hals. In den Kopf. Meine Stirn wurde feucht. Meine Hände wurden feucht. Der Sucher beschlug.
Ich setzte ab.
Der Art Director schaute mich an. "Alles okay?"
Ich nickte. Ich log.
Die nächste Pose. Das nächste Lachen. Der nächste Blitz. Aber die Wärme ging nicht weg. Mein Kopf drehte sich. Die Halle drehte sich.
Ich sagte: "Ich muss kurz —"
Ich ging. Ich ging schnell. Dann rannte ich.
Die Toilette war am Ende des Gangs. Weiße Fliesen. Neonlicht. Das Summen der Lüftung. Der Geruch von Desinfektionsmittel. Ich machte die Tür zu. Ich drehte den Riegel um.
Ich stand da.
Ich schaute in den Spiegel. Im Spiegel war ein Mann, der vor einer Woche fast erschlagen worden wäre.
Ich setzte mich auf den Boden.
Die Fliesen waren kalt. Das Neonlicht summte.
Ich heulte.
Ich saß auf dem Boden einer Baumarkt-Toilette, und ich heulte, und ich konnte nicht aufhören.
Im Krieg schlief ich gut.
Aber ich war wach, als ich nicht mehr schlafen sollte.
Ich weiß nicht, wie lange ich da saß. Fünf Minuten. Zehn. Zwanzig. Irgendwann hörte ich Schritte vor der Tür. Jemand klopfte. Ich sagte nichts.
Die Schritte gingen weg.
Die Neonröhre summte weiter.
Ich stand auf. Ich ging zum Waschbecken. Ich wusch mir das Gesicht. Im Spiegel sah ich einen Mann mit roten Augen.
Das war der letzte kommerzielle Job, den ich gemacht hab.
Ich packte meine Sachen. Ich ging.
Draußen war es grau. Berliner März. Ich stand auf dem Parkplatz. Menschen schoben Einkaufswagen vorbei.
Die Einkaufswagen ratterten über den Asphalt.
6
Eberswalde. 2025.
Es war ein Wochenende, und ich war zu Hause. Das allein war schon ungewöhnlich. Die Survival-Schule am Sterben. Alles am Sterben. Keine Freunde mehr. Kein Geschäftspartner mehr. Nur noch Arbeit, die mich auffraß.
Die Kinder waren in der Kita. In der Schule. Irgendwo. Nicht hier.
Miri stand in der Küche.
Ich saß am Tisch. Sie schaute mich an. Ich wusste, dass etwas kam.
Fünf Tage vor dem Urlaub.
Sie fing an zu sprechen. Ruhig. Nicht wütend. Sie war nie wütend. Sie war etwas anderes. Etwas, das schlimmer war als wütend.
Da ist nicht mehr viel.
Das sagte sie. So. Ohne Vorwarnung.
Ich schaute sie an. Ich hörte zu. Ich war völlig resigniert.
Das kann doch nicht das Leben sein.
Ihre Stimme war ruhig. Ihre Augen nicht. Da waren Tränen. Sie schaute mich an, und dann sagte sie:
Ich weiß nicht, ob ich dich noch liebe.
Das war der Satz.
Keine Kamera zwischen mir und diesem Satz.
Ich hörte ihn. Ich nahm ihn zur Kenntnis. Ich spürte — nichts.
Ich hab sie angestarrt.
Die Tränen in ihren Augen.
Ich sagte: Ich muss mich hinlegen.
Das sagte ich. Das war meine Antwort. Meine Frau sagte mir, dass sie nicht wusste, ob sie mich noch liebte, und ich sagte: Ich muss mich hinlegen.
Ich stand auf.
Meine Beine trugen mich. Zum Schlafzimmer. Nicht zu ihr. Weg von ihr. Weg von diesem Satz.
Das Schlafzimmer.
Die Tür.
Ich legte mich hin. Ich schloss die Augen. Und ich schlief.
Ich schlief, während meine Frau allein in der Küche stand.
Im Krieg hatte ich geschlafen wie ein Baby.
Jetzt auch.
Die Tür klickte.
Miri stand allein in der Küche.
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Vier Monate.
Im selben Haus. Dieselben Wände. Dieselbe Küche. Dieselben Kinder. Dieselbe Frau.
Keine Berührung.
Morgens stehe ich auf. Ich mache Frühstück für die Kinder. Ich bringe Fjäll in die Schule. Ich hole Ava ab. Ich koche. Ich räume auf. Ich bin da.
Ich bin da.
Das ist alles, was ich tun kann. Da sein. Nicht weggehen. Nicht zusammenbrechen. Da sein.
Sie sagt: Kannst du mir das Salz geben?
Ich reiche es ihr. Unsere Finger berühren sich nicht. Ich achte darauf. Sie auch.
Sie sagt: Ich geh heute früher schlafen.
Ich nicke. Ich frage nicht warum. Jede Frage könnte die falsche sein.
Sie streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Ich halte den Atem an. Hat sie das früher auch gemacht? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nicht mehr, was normal war.
Miri. Jeden Tag sehe ich sie. Die zierliche Gestalt. Die Art, wie sie sich bewegt. Dreizehn Jahre, und ich habe das nie gesehen.
Jetzt sehe ich es. Jetzt, wo ich es verlieren könnte.
Vier Monate ohne Berührung.
Sie steht in der Küche. Ich stehe im Türrahmen. Ich betrete den Raum nicht ganz. Ich verlasse ihn nicht ganz. Meine Schulter lehnt am Holz, und ich merke, dass ich mich festhalte.
Ein Meter Luft zwischen uns.
Ich rieche ihr Shampoo. Ich sehe die Haut an ihrem Hals. Meine Hände bleiben, wo sie sind.
Nachts liege ich wach. Im Gästezimmer. Sie schläft nebenan. Dieselbe Wand. Zentimeter Gips zwischen uns. Ich höre sie atmen. Oder ich bilde es mir ein.
Ich denke an meine Oma. Das letzte, was sie zu mir gesagt hat: Maurice, ich hab dich so vermisst. Maurice, pass auf deine Familie auf.
An ihrer Leiche habe ich es ihr geschworen. Im Krankenhaus. Sie lag da, und ich stand da, und ich habe ihr versprochen, dass ich auf meine Familie aufpasse.
Wenn ich jetzt hier versage, dann hab ich komplett versagt.
Also mache ich weiter. Jeden Tag. Frühstück. Schule. Abholen. Kochen. Da sein.
Vier Monate.
Ein Abend. Spät. Die Kinder schlafen.
Miri sitzt am Küchentisch. Ich stehe an der Spüle.
Sie schaut mich an.
Ich schaue zurück.
Meine Hand liegt auf der Arbeitsplatte. Dreißig Zentimeter von ihrer. Sie bleibt dort.
Nichts passiert.
Das Küchenfenster wird dunkel. Keiner von uns steht auf, um das Licht anzumachen.
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Es gab einen Plan.
Während der vier Monate, in denen ich im Gästezimmer schlief und Miri im Flur auswich und die Kinder zur Schule brachte und abends am Küchentisch saß und nichts sagte — während all dieser Monate gab es einen Plan.
Wenn ich meine Familie verliere, dann packe ich die Sachen und geh in die Ukraine.
Es war ein Plan.
Ich wusste, wie es geht. Ich hatte es oft genug gemacht. Tasche packen. Kamera. Objektive. Pass. Flug buchen. Ankommen. Arbeiten. Funktionieren.
Die Ukraine war 2023 der Ort, an dem Krieg war. Der Ort, an dem Menschen starben und andere Menschen das dokumentierten. Der Ort, an dem ich hingehörte — oder an dem ich glaubte hinzugehören.
Der Plan war einfach. Wenn Miri sagte: Es ist vorbei — dann würde ich packen. Und gehen.
Manchmal, wenn ich daran dachte, spürte ich meine Hände. Sie lagen auf dem Küchentisch oder am Lenkrad oder in meinen Hosentaschen, und sie lagen still, aber sie wussten, was sie tun würden. Sie kannten die Bewegungen. Tasche vom Schrank. Reißverschluss auf. Kamera rein, Objektive, Pass.
Der Plan wartete.
Aber ich brauchte ihn nicht.
Ich tat es nicht.
Einmal stand ich im Flur, nachts, drei Uhr. Die Tasche war im Schrank. Der Pass war in der Schublade. Ich hätte nur die Tür öffnen müssen. Ich stand da, barfuß auf den kalten Fliesen, und meine Hand lag auf der Schranktür, und ich wusste nicht, ob ich sie öffnen oder zurückgehen würde. Die Uhr im Wohnzimmer tickte. Mein Atem ging flach.
Dann nahm ich die Hand von der Tür und ging zurück ins Gästezimmer.
Ich tat es nicht, weil ich es nicht wollte.
Und jedes Mal, wenn der Gedanke kam — Pack. Geh. Jetzt. — schob ich ihn weg.
Nicht später. Nicht jetzt. Nicht heute.
Das war neu.
Früher wäre ich gegangen. Früher hätte ich die Tasche gepackt, bevor Miri den Satz zu Ende gesprochen hätte. Früher war Gehen das Einzige, was ich konnte.
Jetzt saß ich am Küchentisch. Jetzt stand ich im Türrahmen. Jetzt lag ich nachts wach und hörte sie atmen durch die Wand.
Jetzt blieb ich.
Der Plan war da. Die Ukraine war da. Das Chaos wartete. Aber ich saß in Eberswalde und schnitt Äpfel für die Kinder und räumte die Spülmaschine ein und blieb.
Eine Entscheidung, die in den Schultern saß. In den Kiefermuskeln. In dem Moment morgens, wenn ich aufwachte und für eine Sekunde nicht wusste, wo ich war, und dann wusste ich es, und dann stand ich auf.
Die Ukraine wartete.
Die Tasche blieb im Schrank. Die Kamera blieb im Regal. Der Pass blieb in der Schublade.
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Ein Abschied.
Ich musste irgendwohin. Sie blieb. Die Kinder waren in der Schule.
Wir standen an der Tür.
Vier Monate. Dieselbe Tür. Hundertmal hatte ich sie geöffnet. Hundertmal hatte ich sie geschlossen. Und jetzt standen wir da, und ich schaute sie an, und sie schaute mich an, und keiner sagte etwas.
Ich beugte mich vor. Halb. Dann hielt ich inne.
Ich wusste nicht mehr, wie man das macht. Dreizehn Jahre, und ich hatte vergessen, wie man seine Frau küsst.
Mein Mund fand ihren. Die Lippen fühlten sich fremd an. Ihre. Meine. Beide.
Meine Hände lagen an ihren Schultern — zu fest zuerst, dann überkompensiert zu leicht. Meine Schulterblätter pressten sich zusammen, obwohl ich mich öffnen wollte.
Später. Wochen vielleicht. Die Paartherapie.
Wir saßen nebeneinander. Der Therapeut saß uns gegenüber.
Miri sprach. Ich hörte ihre Stimme, aber nicht die Worte.
Meine Hände lagen auf meinen Knien. Draußen fuhr ein Auto vorbei.
Der erste Abend.
Das Schlafzimmer. Sie lag auf ihrer Seite, zur Wand. Ich lag neben ihr. Einen halben Meter Luft zwischen uns.
Ich hörte meinen Atem. Ich hörte ihren.
Meine Hand hob sich. Sie schwebte.
Ich sah den Stoff ihres T-Shirts, den Umriss ihres Schulterblatts darunter.
Die Hand war zu schwer, als sie landete. Ich korrigierte. Zu leicht jetzt. Irgendwo dazwischen.
Wärme unter meiner Handfläche. Ich wusste nicht, ob sie wach war.
Meine Schwielen fingen am Baumwollstoff. Ein Muskel zuckte in meinem Unterarm. Der Impuls, die Hand zurückzuziehen, kam und ging. Meine Schultern blieben starr, obwohl ich mich entspannen wollte.
Die Hand blieb.
Der Kühlschrank summte in der Küche. Draußen fuhr ein Auto vorbei.
Sie bewegte sich nicht. Ich auch nicht.
7
Ein Morgen. Eberswalde.
Ich sitze am Schreibtisch im Arbeitszimmer. Die Kamera liegt neben dem Bildschirm. Zerkratzt. Zweimal repariert. Ein kleiner Veteran.
Ich habe sie seit Wochen nicht angefasst.
Im Fernseher laufen Bilder. Ton aus. Ich schaue nicht hin, aber ich sehe es trotzdem. Rauch über einer Stadt. Einschläge. Menschen, die rennen.
Mein Körper reagiert, bevor ich denke.
Die Schultern gehen hoch. Automatisch. Ohne Befehl. Der Atem wird flach. Die Hände wissen, was zu tun ist. Tasche packen. Pass suchen. Flug buchen. Die alten Reflexe. Fünfzehn Jahre eingebrannt.
Ich spüre es. Die Sehnsucht. Sie ist nicht tot. Sie war nie tot. Sie hat nur gewartet.
Ich hab wieder Bock auszugehen.
Aber.
Ich schaue auf die Kamera. Den kleinen Veteranen. Ich habe durch sie die Welt gesehen. Ich habe durch sie gelebt.
Ich schaue auf das Foto neben dem Bildschirm. Miri. Die Kinder. Fjäll lacht. Ava schaut in die Kamera mit Augen, die zu ernst sind für ihr Alter.
Und dann tue ich nichts.
Ich stehe nicht auf. Ich packe nicht. Ich greife nicht zur Kamera.
Ich bleibe sitzen.
Die Kamera liegt auf dem Schreibtisch. Der Sucher zeigt zur Decke.
Draußen die Vögel. Miri füttert sie jeden Tag.
Ich schaue ihr zu.
Sechzehn. Sechzehn. Siebzehn.
Dank
Peter Wattendorff hat mich aufgenommen, als ich aus der Psychiatrie kam.
Mein Opa hat mir meinen Namen gegeben. Ein Pinsel von ihm liegt noch bei mir.
Meine Oma hat gesagt: Pass auf deine Familie auf.
Meine Mutter hat mich nicht abgetrieben.
Titus Dittmann hat mich nach Afghanistan mitgenommen.
Zobair hat den Rückwärtsgang eingelegt.
Miri ist dreizehn Jahre geblieben.
Fjäll. Ava.
Maurice Ressel, Eberswalde, 2026