Mein Weg

Sonntagmorgen, Hammerstraße 150. Ich stehe vor meiner Haustür, der Schlüssel in der Hand. Hinter mir eine Nacht, die ich nicht erzählen will. Ich bin 20. Ich höre Glocken.

Die kleine Kirche gegenüber – ich war noch nie drin. Ich ziehe den Schlüssel aus dem Schloss und gehe hinüber. Drinnen ist es warm. Hinten setze ich mich. Vorne wird ein Kind getauft.

Ich weiß nicht, warum mich das trifft. Vielleicht weil da jemand anfängt, während ich gerade aufhöre. Ich sitze da und denke: Du bist zwanzig. Wo bist du gelandet. Was ist passiert mit dir.

Zwei Stunden später sitze ich in meiner Wohnung, das Telefonbuch auf den Knien. Ich wähle die Nummer der Psychiatrie. Meine Hände zittern. In zwei Tagen ist ein Platz frei.

In meinem Tagebuch steht ein Satz aus dieser Zeit:

»Ich habe mich selbst zum Untermenschen gemacht, fühle mich nicht einmal mehr wie ein Mensch.«

Das war 2001.

In der Klinik

In der Klinik fiel mir ein Buch in die Hände: Das SAS Survival Handbuch. Überleben in der Wildnis. Überleben im Kopf. Ich las es, als wäre es eine Gebrauchsanweisung für mich selbst. 24 Jahre später liegt es immer noch auf meinem Schreibtisch.

Im Fernsehraum der Klinik lief 9/11. Wir saßen alle davor und sahen zu, wie die Türme fielen. Die Welt brach zusammen. Ich auch. Aber diesmal war ich an einem Ort, wo man mir half, die Stücke aufzuheben.

Nach der Klinik: Fotografenlehre in Münster. Morgens der Erste, abends der Letzte. Jahrgangsbester. Elf Jahre Kampfsport. Die rohe Aggression meiner Jugend begann sich zu verwandeln.

Kabul

2010 rief mich Marc an. Ob ich nach Afghanistan wolle. Titus Dittmann brauchte jemanden, der den Kids im Waisenhaus Skateboard beibringt. Ich konnte kein Englisch. Ich war noch nie im Ausland. Ich sagte ja.

»Mir war egal, ob ich zurückkomme. Diese innere Gleichgültigkeit dem eigenen Leben gegenüber war gefährlich, aber sie war auch eine seltsame Freiheit.«

Der Skatepark stand mitten in der Wüste. Völlig surreal. Eine Betonschüssel in einer Mondlandschaft. Die Kinder nannten unseren Club „Die dreckigen Hunde“. In Afghanistan ist das eine Beleidigung. Für uns war es Ehre.

Eines Abends im Waisenhaus. Ich hebe die Kamera, will ein Foto machen. Aber durch den Sucher sehe ich etwas anderes:

»Meine eigene innere Leere spiegelt sich in den Gesichtern dieser Kinder.«

Die Kamera wurde zum Spiegel. Ich war nicht mehr nur Beobachter.

15 Jahre Krisengebiete folgten. Afghanistan, Ukraine, Äthiopien – 22 Länder. Ärzte ohne Grenzen. UNICEF. Diakonie Katastrophenhilfe. Sechs Monate Amazonas bei den Yanomami. Das SAS Handbuch immer im Rucksack.

Heute

2019 gründete ich eine Wildnisschule. 2024 schloss ich sie. Manchmal enden Kapitel. 2024 erschien mein erstes Buch bei Penguin Random House.

Heute schreibe ich. Sachbücher, Fachtexte, Lernmodule – zu Resilienz, Survival, Krisenmanagement. Was ich in den Jahren im Feld gelernt habe, nenne ich „die innere Ausrüstung“: Das, was bleibt, wenn die äußere Ausrüstung nicht mehr reicht.

Psychiatrie 2001. Fotografenlehre. Kabul. 15 Jahre Krisengebiete. Autor.

Ich theoretisiere nicht über Krisen. Ich habe in ihnen gelebt.

Maurice Ressel - ehemaliger Kriegsfotograf und Fachautor

Kontakt

Du hast ein Buchprojekt, suchst einen Gastautor oder brauchst Fachtexte zu Resilienz, Survival oder Krisenmanagement? Schreib mir.