Der Sucher

Ein literarisches Memoir über Kriegsfotografie, Verlust und die Entscheidung zu bleiben

Fünfzehn Jahre sah ich die Welt durch ein kleines Fenster. Dann beschlug es.

Im Krieg schlief ich gut. Zu Hause lag ich wach.

Fünfzehn Jahre Kriegs- und Krisenfotografie. Afghanistan, Ukraine, Philippinen. Ich fotografierte Geburten in Flüchtlingszelten und Kinder, die im Schutt Basketball spielten. Der Sucher blieb immer klar.

Bis er es nicht mehr tat.

~8.500 Wörter.

Leseprobe

Das Kind liegt still. Eingewickelt in weißes Tuch, in einem Zelt, das vom Himmel fiel. USAID steht auf der Plane. Draußen die Trümmer von Taifun Yolanda. Drinnen: ein Vater im grünen Shirt, der sein Neugeborenes küsst. Das Licht fällt durch die Plane. Ich drücke ab.

Ich hatte Eltern. Ich wurde trotzdem verwaist.

Der Sucher beschlägt.

Im Krieg schlief ich gut. Zu Hause lag ich wach.

Was bleibt, ist der Sucher — das kleine Fenster, durch das ich die Welt sah. Fünfzehn Jahre lang.

Ich fotografierte Geburten in Flüchtlingszelten. Ich fotografierte Kinder, die im Schutt Basketball spielten. Ich fotografierte einen alten Mann, der alles verloren hatte außer einem weißen Plastikstuhl. Ich drückte ab, und der Sucher blieb klar. Immer.

Dann saß Miri am Esstisch. Zwölf Uhr mittags. Die Kinder waren in der Kita. Die Sonne fiel durch das Küchenfenster. Sie sagte: „Maurice, ich weiß nicht mehr, was ich fühle. Ich kann dir nicht sagen, ob das noch Liebe ist."

Staub in der Luft.

Ich sagte: Ich muss mich hinlegen.

Ich legte mich hin und schlief.

Aber als meine Frau sagte, sie wisse nicht mehr, was sie fühle — da zitterten meine Hände. Mein Kiefer verkrampfte sich.

Und ich wusste: Wenn ich sie verliere, packe ich die Sachen und gehe in die Ukraine.

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Die innere Ausrüstung